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Startruhe spaltet die Gemüter

Zahlreiche Tegeler Tänzer dürfen zurzeit nicht auf das Parkett

 

Von Michael Nittel

Tegel. Nachdem etliche Mitglieder den TC Blau Gold im VfL Tegel verlassen haben, um sich dem neu gegründeten TSZ Blau Gold anzuschließen, wurden nach Aussage des neuen Vereins 33 Paare mit einer so genannten Startruhe von vier Monaten belegt. Während man beim TSZ von einem „grob unsportlichen Verhalten“ spricht, pocht man beim VfL, der die Zahl der Paare nicht verifizieren konnte, auf den entsprechenden Abschnitt der Turnier- und Sportordnung des Deutschen Tanzsportverbandes.

Dort heißt es, dass bei einem Vereinswechsel automatisch eine Startruhe von vier Monaten beginnt und diese nur dann entfällt, wenn der bisherige Verein schriftlich darauf verzichtet. Die Startruhe sei Normalfall, der Verzicht die Ausnahme. Beim Landestanzsportverband (LTV) Berlin zeigte man sich dennoch verwundert: Natürlich sei es eine Möglichkeit, auf eine Startruhe nicht zu verzichten, hieß es aus der Geschäftsstelle des LTV. Allerdings werde diese Option in der Regel nur dann gezogen, wenn Mitgliedsbeiträge ausstehen oder es zu anderweitigen Verfehlungen gekommen sei. Dass so viele Tänzer mit einer Startruhe belegt werden, weil der abgebende Verein nicht darauf verzichtet, sei in dieser Dimension neu.

Wie sowohl der VfL als auch der TSZ übereinstimmend bestätigten, stünden tatsächlich noch Mitgliedsbeiträge aus. „Paaren, die ihrer satzungsmäßigen Pflicht zur Zahlung des Vereinsbeitrages nachgekommen sind, (wurde) auf ihren Antrag eine Startfreigabe erteilt“, teilte der VfL Tegel schriftlich mit. Anderen, die noch Mitglied seien, stehe es offen, weiterhin auch für den TC Blau Gold zu starten. Der TSZ erwiderte, dass man, nachdem der VfL dem hauptamtlichen Trainer Peter Mangelsdorff zum 31. Dezember 2009 gekündigt und zudem das Türschloss zur Trainingsstätte ausgetauscht habe, vom Verein keine Leistung erhalten habe und die Forderung nach Beiträgen entsprechend hinfällig sei. Der VfL bestätigte den Tausch des Schlosses und begründete dies: Unter anderem sei nicht Befugten die Nutzung der Trainingsstätte erlaubt worden. Inventar sei entwendet, das Saalbuch nicht korrekt geführt worden. Ferner sei ein Vergleichsvorschlag für die Zahlung der Beiträge an den Vorstand des Tanzsportzentrums Blau Gold übermittelt worden.

Dieser Vorschlag, entgegnete der TSZ, habe die Befreiung vom Beitrag und den Verzicht auf die Startruhe nur dann angeboten, wenn die Mitglieder aus dem TC Blau Gold bis zum 19. Februar austreten würden. Dahinter vermutete man die Absicht, die am 24. Februar angesetzte und durchgeführte Mitgliederversammlung (MV) des TC Blau Gold, auf dem unter anderen alle Vorstandsmitglieder vorbehaltlos entlastet worden waren, handlungsunfähig zu machen. In der Tat stellte der VfL Tegel fest, dass diese MV und damit auch sämtliche ihrer Beschlüsse aufgrund ihrer nicht satzungsmäßigen Einladung nichtig seien.

Der Grund für den Austritt zahlreicher Mitglieder aus dem TC Blau Gold und die Gründung des TSZ sind Unstimmigkeiten, die seit Ende letzten Jahres herrschen. Doch während der TSZ behauptet, es sei ein Disput zwischen „dem Gros der Tänzer und dem Präsidium des VfL Tegel“, klingt der Wortlaut des VfL ganz anders: „Ein Disput bestand (…) nur zwischen dem VfL Tegel und seinen zehn Abteilungen mit dem ehemaligen Vorstand der Tanzabteilung.“

Ein Ende der Querelen scheint indes nicht in Sicht. Eine Tänzerin des TSZ abschließend: „Dieses ewige Hin und Her ist unerträglich. Alle Turnier- und Hobbytänzer wollen doch nur eines: Endlich wieder Tanzen.“

Kommentar

 

Die Verlierer sind einmal mehr die Sportler

 

Von Michael Nittel

Regeln sind dazu da, um eingehalten zu werden – keine Frage. Und wenn die Turnier- und Sportordnung des Deutschen Tanzsportverbandes die viermonatige Startruhe formal vorschreibt, dann haben das alle Parteien zunächst einmal zu akzeptieren. Fakt ist: Der VfL Tegel hätte in allen Fällen darauf verzichten können – hat es aber nicht getan. Der Klub wird seine Gründe haben. Fakt ist aber auch, dass das sportliche Niveau vieler Turniere im Berliner Raum unter dieser Entscheidung massiv leidet und leiden wird. Und letztlich muss allen verantwortlichen und verantwortungsbewussten Personen, die auch im Sinn der Sportler hätten entscheiden können, klar gewesen sein, dass vorhandene Konflikte mit solchen Entscheidungen nur weiter geschürt werden. Doch vermutlich hätte ein solches Entgegenkommen wie der Verzicht auf die Startruhe als ein Nachgeben oder schlimmer noch als ein Fehlereingeständnis interpretiert werden können.

Doch worin besteht der Konflikt überhaupt? Die Vorwürfe sind zahlreich und massiv: Die Tänzer monierten zunächst lediglich eine für sie nicht nachvollziehbare Betriebskostenabrechnung. Dann wurde ihrem langjährigen Trainer Peter Mangelsdorff gekündigt, dem Vorstand der Tanzabteilung die Geschäftsführung entzogen, das Türschloss zur Trainingsstätte ausgetauscht, die Tänzer ausgesperrt. Man wirft dem Präsidium des VfL vor, mündliche Verträge nicht einzuhalten, Mobbing gegen Mangelsdorff zu betreiben, unangemessene Geldforderungen an ihn zu stellen. Mitglieder, die sich kritisch geäußert hätten, seien aus dem VfL Tegel ausgeschlossen worden. Das Präsidium des VfL wiederum bezeichnet die Mobbing-Vorwürfe und den genannten Ausschlussgrund als abwegig, wirft dem ehemaligen Vorstand der Tanzabteilung vor, nicht Befugten Zugang zur Trainingsstätte erlaubt zu haben. Inventar sei entwendet, Türen und Fenster offen gelassen worden, so dass Dritte ungehindert in das Vereinsheim hätten eindringen können. Man verlange die Rückgabe einer mobilen Musikanlage und der Barkasse. Vereinsdaten des VfL seien von der Festplatte eines Notebooks gelöscht, Honorarverträge vom Finanzamt bemängelt worden. Mündliche Vereinbarungen gebe es nicht.

Die Frage, wen in welchem Punkt die Schuld trifft, kann und soll an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Vermutlich werden sich bald sogar Gerichte damit auseinandersetzen müssen. Allerdings ist schon erstaunlich, dass man beim VfL Tegel trotz der Vielzahl der Konflikte und beidseitigen Vorwürfe, ein öffentliches Interesse nicht verstehen kann oder will: „Schließlich möchten wir nochmals anmerken, dass es sich bei dem (…) Sachverhalt um nichts anderes als um den Wechsel eines Trainers und dem damit verbundenen Austritt von Mitgliedern handelt. Derartige Vorgänge sind in der Vergangenheit (…) mehrfach vorgekommen, ohne dass dies in der Presse auf Interesse gestoßen wäre.“

Verlierer dieser Auseinandersetzung sind wieder einmal die Sportler: Rund 400 Menschen haben Ende letzten Jahres noch beim TC Blau Gold im VfL Tegel getanzt. Und egal, ob sie heute eines von 230 Mitgliedern sind, die sich dem TSZ angeschlossen haben oder doch dem VfL treu geblieben sind – die Nachwirkungen werden sie alle noch lange zu spüren bekommen, auch wenn sie von der Startruhe nicht betroffen sind.