Freier Journalist

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„Wenn Du das noch mal machst, leg´ ich Dich um“

Die Mauer in Reinickendorf – ein Zeitzeuge berichtet

 

Von Michael Nittel

Reinickendorf. Weit über 100 Menschen haben sich am Tag des Mauerbaus in der Klemkestraße an den „Sieben Brücken“ versammelt, um dem dort am 29. April 1962 getöteten Horst Frank und allen anderen Mauertoten zu gedenken.

Unter den Versammelten: Der 1942 geborene Uwe Grosse, der nahezu sein ganzes bisheriges Leben in Reinickendorf Ost verbracht hat, dort vor dem Mauerbau, aber auch zu Zeiten der Teilung Unglaubliches erleben musste und auch deshalb mit diesem Ort emotional verwurzelt ist.

Im Januar 1945 kam der in der Nähe von Posen geborene, heimatvertriebene Grosse nach Berlin und hatte an den Eisenbahnbrücken sein erstes prägendes Erlebnis: „Das hier ist ein Ort, an dem ich als kleines Kind oft gespielt habe. Eines Tages wurde uns, meiner Mutter, meiner Großmutter und mir, bei einem Bombenangriff der Zutritt zu einem nahe gelegenen Bunker verwehrt, so dass ich den Bombenhagel hier draußen am Bahngelände erleben musste.“

Noch Jahre später zwangen ihn Schlafstörungen, sich in ärztliche Behandlung zu begeben. Den 13. August 1961, den Tag des Mauerbaus, erlebte Grosse mit einem Freund auf dem Wannsee. „Wir haben die Nachricht im Kofferradio gehört und konnten es einfach nicht fassen.“

Grosse, der beim Bundesgrenzschutz arbeitete und sehr emotional davon berichtete, wie die Teilung Deutschlands seine ganze Familie zerstört habe, begann, Menschen bei der Flucht zu helfen: „Ich habe im wahrsten Sinn des Wortes den Stacheldraht hochgehoben, damit die armen Seelen darunter hindurch kriechen konnten.“ Und an genau demselben Ort, an dem er als Kind den Bombenhagel überlebte, hatte er sein zweites prägendes Erlebnis: „Eines Tages, als ich hier wieder mal in dieser Sache unterwegs war, stand plötzlich ein Volkspolizist vor mir, drückte mir die Kalashnikov in den Bauch und sagte: `Wenn Du das noch mal machst, leg´ ich Dich um´. Bis dahin war ich ausschließlich meinen Instinkten gefolgt und habe Menschen geholfen, die in Freiheit leben wollten. Spätestens ab diesem Tag wusste ich: Das ist kein politisches Wirr-Warr, das ist nackter Hass.“

Erst Anfang der 70er Jahre erfuhr Grosse aus dem Buch „Kampf um Berlin“ dann vom gewaltsamen Tod Horst Franks an genau dem Ort, an den er so viele Erinnerungen hatte. Und plötzlich schienen alle Fäden seines Lebens in der Ermordung eines ihm völlig unbekannten Menschen zusammen zu laufen. Auch deshalb war Grosse bereit, das Gedenkkreuz im Jahr 1976 mit seinen Weggefährten Horst Faber und dem schon verstorbenen Christoph Höhnig gegen alle Widerstände an diesem Ort zu errichten. „Damals haben uns alle Verantwortlichen gesagt: `Das kommt nicht in Frage´. Und doch haben wir es getan. Man hätte uns auch nur mit Polizeigewalt davon abhalten können.“

Grosse weiß, dass das Gedenken an die Mauer, an ihre Toten, an die Teilung Deutschlands und das große Leid, dass damit verknüpft ist, langsam in Vergessenheit zu geraten droht. Deshalb wünscht er sich, dass sich speziell Lehrer intensiver mit diesem Thema auseinandersetzten, um überhaupt zu wissen, worüber sie reden. Oder sie sprechen einfach mit Zeitzeugen wie Uwe Grosse. „Ein amerikanischer Oberst hat mal zu mir gesagt: `Du bist eigentlich gelebte Geschichte´“, erläuterte Grosse, bevor er abschließend die Stimme noch einmal senkte und den Arm ausstreckte, um auf einen Punkt ein paar Meter entfernt zu zeigen. „Manchmal weiß man gar nicht mehr so genau, warum man bestimmte Dinge tut oder getan hat. Eines weiß ich aber noch mit Sicherheit: Horst Frank, ein junger Mann wie ich, wollte einfach nur von da nach hier.“