Freier Journalist

Text und Foto

Wiedersehen nach 35 Jahren

Deutsche Meister im Rudern von 1974 wieder gemeinsam im Boot

 

Von Michael Nittel

Tegel. Der Jugendachter vom Ruder-Club Tegel aus den siebziger Jahren, Deutscher Meister von 1974 und Berlins erfolgreichstes Boot dieser Klasse, hat 35 Jahre nach dem Titelgewinn wieder zusammen gefunden und ist gemeinsam über den Tegeler See gerudert.

„Dass wir uns heute zu diesem Anlass wieder getroffen haben, zeugt von einem großen Sinn für Gemeinschaft“, erläuterte der damalige Co-Trainer Wolfgang Gaumert. Der heute 74-Jährige hatte besonders in schweren Zeiten einen großen Verdienst daran, dass sich das Team immer wieder aufrappelte und gilt deshalb auch heute noch als gute Seele der Mannschaft. „Eigentlich heißt es doch fast immer: Aus den Augen, aus dem Sinn. Dieses Team ist in jeder Beziehung etwas Besonderes.“

Es war der 7. Juli 1974, 14:30 Uhr, als eine Mannschaft des Ruder-Club Tegel auf dem Baldeneysee in Essen Deutscher Jugendmeister wurde. Ronald Alex, Andreas Nickel, Olaf Morgalla, Detlef Birghan, Siegfried Meyer, Ulrich Plückhahn, Kurt Naujoks, Lutz Redlinger und Steuermann Ralf Braunsdorf waren es, die für ihren Klub Geschichte schrieben. Und nur vier Stunden später schlug Deutschland in München die Niederlande mit 2:1 und wurde Fußball-Weltmeister.

Die Erfolgsgeschichte begann im Herbst 1971: Trainer Jürgen Bork wagte das Experiment, eine junge Achtermannschaft aufzubauen, die nach über 20 Jahren den Titel des Deutschen Meisters wieder an den Tegeler See zurückholen sollte. Doch schon im Frühjahr 1972 blieben aus einer Vielzahl von Athleten nur acht Ruderer übrig. „Das Projekt schien schon jetzt gescheitert, da es für unmöglich erachtet wurde, eine Mannschaft ohne Ersatzruderer in drei Jahren aufzubauen, zu halten und zum Erfolg zu führen“, erinnerte sich Gaumert. Doch die acht jungen Männer, die vom Charakter nicht unterschiedlicher sein konnten, machten das Unmögliche möglich: Schon 1972 wurde das Team Berliner Landessieger und Deutscher U17-Jugendmeister. Im folgenden Jahr erlangte man erneut die Landesmeisterschaft. Auch die Rudersaison 1974 begann mit überlegenden Siegen. Doch nur vier Wochen vor der Meisterschaft musste man eine schwere Niederlage einstecken.

War das Projekt gescheitert? Fehlten am Ende doch die Ersatzleute, die als Motivation zur Leistungssteigerung gedient hätten? Nein! Mit unbändigem Teamgeist, Kampf und einer taktischen Meisterleistung wurde das Team aus Mittelmain, von dem man vor Kurzem noch selbst so deutlich deklassiert worden war, mit 16 Sekunden distanziert.

„Das war damals ein wirklich großartiger Moment, für den diese Mannschaft – jeder Einzelne – alles getan hat“, betonte Gaumert, der – wie die Anderen auch – dem Rudersport treu geblieben ist: Seit nun mehr 58 Jahren ist er aktives Mitglied im Ruder-Club Tegel.

„Wir haben damals von den Jungs sehr viel verlangt: Bis zu neun Mal Training in der Woche – manchmal auch schon vor der Schule. Wir mussten sogar die Eltern und Lehrer überzeugen, dass das der richtige Weg sei“, erklärte Gaumert abschließend und ergänzte: „Wir hatten Recht: Wir haben die Meisterschaft gewonnen. Und aus den Jungs ist trotzdem etwas geworden.“