Freier Journalist

Text und Foto

Die Schattenseite des Fußballs

Nur Schmährufe oder doch Antisemitismus beim Hallen-Cup?

 

 

Von Michael Nittel

 

Berlin. Ein Skandal droht den Berliner Fußball zu erschüttern. Beim Hallen-Cup für Regional- und Oberligisten in der Charlottenburger Sporthalle und vor über 1.000 Zuschauern sollen Anhänger vom 1. FC Union wiederholt antisemitische, rassistische und schwulenfeindliche Gesänge und Parolen angestimmt haben. Ihr Ziel: Der Fanblock von Tennis Borussia Berlin (TeBe), ein Verein mit jüdischen Wurzeln, der im Jahr 1902 in Charlottenburg gegründet wurde. Das behauptet Kevin Kühnert von der Abteilung „Aktive Fans“ bei den Veilchen. Es soll Parolen wie „Alle Juden sind Schweine“ und „Asylanten“ gegeben haben. Diese Darstellung wird von Union, sowohl von den Fans als auch von den Verantwortlichen, heftig bestritten. Der Berliner Fußballverband (BFV) schweigt beharrlich. Und mittlerweile hat sich nun auch die Berliner Polizei zu Wort gemeldet: Es habe – so heißt es – nach Erkenntnissen keine antisemitischen Zuschauerrufe gegeben. Nach den Darstellungen der eingesetzten Polizeibeamten waren aber Äußerungen zu vernehmen, die Beleidigungen gegenüber diesen Beamten enthielten. Die Parolen sollen „Alle Bullen sind Schweine“ gelautet haben. In diesem Zusammenhang sollte erwähnt sein, dass nach dem Spiel von Union gegen TeBe einige Anhänger der Köpenicker das Feld gestürmt hatten, um vermutlich den gegenüberliegenden Fanblock der TeBe-Fans zu erreichen. Das konnte von den Einsatzkräften der Polizei jedoch verhindert werden.

„Wir wissen, was wir gehört haben“, erläuterte Kühnert seine Sicht und beruft sich zudem auf unabhängige Personen: „Es gibt dafür ausreichend Zeugen, auch von anderen teilnehmenden Vereinen, die uns eigentlich nicht unbedingt gewogen sind.“

In einer ersten Erklärung hatte der 1. FC Union die Vorwürfe wie folgt bestritten: „Mit Rassismus und Antisemitismus haben wir bei Union keinerlei Probleme“, erklärte Vereinssprecher Christian Arbeit. Dass man die Schmährufe als rassistisch eingeordnet habe, sei eine „klassische Verwechslung“ gewesen. Mittlerweile folgten fünf weitere Erklärungen, in denen man sich unter anderen von allen Gesängen – unabhängig ihres Inhaltes – distanziere: „Kein Vorkommnis und keine Provokation rechtfertigen Schmähgesänge gegen andere Menschen“, erklärte Union-Geschäftsführer Oskar Kosche.

Was passiert hier? Rund 40 TeBe-Fans waren vor Ort. Zudem kommen die bereits erwähnten Vertreter anderer Vereine. Haben sich diese Menschen einfach nur verhört? Oder wird hier gerade eine große Vertuschungsaktion gestartet? Gerd Liesegang, Vizepräsident des BFV, der sich seit Jahren für die Anti-Gewalt-Kampagne seines Verbandes einsetzt, war auch vor Ort. Er wird mit den Worten zitiert, dass sich beide Fanseiten fehlerhaft verhalten hätten. Und angesprochen auf die Gesänge der Union-Fans soll er gesagt haben, dass er nichts gehört habe, dass er da auch nicht hinhöre, weil ihn nur der Fußball interessiere. Kevin Kühnert dazu: „Diese Aussage und das Schweigen bis zum heutigen Tag zeigen mir, dass der BFV absolut hilflos ist. Man hat natürlich wenig Interesse daran, zuzugeben, dass es im Berliner Fußball offensichtlich Probleme gibt, die weit über die normalen verbalen Attacken in Fußballstadien hinaus gehen.“

Einmal mehr bietet der Fußball also eine Bühne für Chaoten. Doch sollte der Vorwurf des Antisemitismus zutreffend sein, geht es dieses Mal um viel mehr. Und das scheint den meisten Beteiligten überhaupt nicht klar zu sein. Bei TeBe hat man reagiert: Aus Protest gegen die bisherige Untätigkeit des BFV nahmen die Verantwortlichen der Veilchen am vergangenen Freitag nicht am traditionellen Neujahrsempfang des BFV teil. Weitere, auch rechtliche Schritte, behält man sich vor.