Meisterschaften im G-Judo ein toller Erfolg – und doch haben geistig behinderte Sportler einen schweren Stand

Judo NK3 WebNeukölln. Rund 130 geistig behinderte Judoka aus elf Bundesländern sowie Holland und Österreich trafen sich am Sonnabend, 5. April zu den Internationalen Deutschen Meisterschaften im G-Judo in der Jahn-Sporthalle am Columbiadamm, um in diversen Gewichts- und Wettkampfklassen ihre Sieger zu ermitteln.
Und am Ende waren es die Berliner, die kräftig abräumten: Mit vier Gold-, drei Silber- und zwei Bronzemedaillen war der Budo Club Ken Shiki nicht nur der erfolgreichste aller teilnehmenden Vereine, sondern er machte Berlin – als einziger Verein für geistig behinderte Judoka in der Hauptstadt – auch zum stärksten Landesverband. Viele Zuschauer, die noch nie einen Wettkampf im G-Judo – das G steht übrigens für gehandicapt – gesehen hatten, rieben sich verwundert die Augen: „Man sieht hier streckenweise überhaupt nicht, dass es sich um geistig behinderte Athleten handelt: Viele Kämpfe sind wirklich gutklassig und sehr spannend – erstaunlich“, äußerte sich eine Besucherin.

Doch für geistig behinderte Sportler war und ist leider nicht alles Gold was glänzt: „Bis zu unserer Vereinsgründung vor mittlerweile sechs Jahren waren die Verbände, die es nun auch schon seit rund 60 Jahren gibt, nicht in der Lage, eine Meisterschaft im G-Judo in Berlin durchzuführen“, erläuterte Hamdy Mohamed, Vorsitzender und Gründer vom Budo Club Ken Shiki. Dabei haben es andere Landesverbände vorgemacht: In Niedersachsen gibt es diese Wettkämpfe seit nun mehr 18 Jahren, in Nordrhein-Westfalen sogar seit 20 Jahren. „Wir wollten diese Meisterschaften unbedingt. Und es war ein totaler Kraftakt, sie in Berlin auf die Beine zu stellen.“ Unterstützt wurde Mohamed dabei tatkräftig von der Behindertenbeauftragten des Bezirks Katharina Smaldino. „Sie hat sich auf unglaubliche Weise für uns eingesetzt und ist sich noch nicht einmal zu schade, einen Tag vor dem Wettkampf mit uns die Matten in der Halle aufzubauen.“ Ein großes Problem sei – so Mohamed – dass geistig Behinderte auch und ganz besonders im Sport keine Lobby hätten. Auch die Gründung des Budo Club Ken Shiki im Jahr 2009 resultierte aus einer negativen Erfahrung: „Ich hatte damals versucht, eine Gruppe von geistig behinderten Sportlern in einem Judoverein zu integrieren. Das hat nicht geklappt. Wir wurden tatsächlich hinausgeschmissen.“ Also wurde kurzerhand ein eigener Verein gegründet, in dem behinderte und nicht behinderte Judoka gleichermaßen vertreten sind und ihren Sport gemeinsam ausüben können. Zurzeit gehören dem Klub rund 130 Mitglieder an. Um eine totale Gleichberechtigung nicht nur auf, sondern auch außerhalb der Matte zu erreichen und nicht gleichzeitig gegen geltendes Recht zu verstoßen, musste sich Mohamed bei der Besetzung des Vorstandes sogar einen Kniff ausdenken: „Ich wollte unbedingt auch behinderte Mitglieder im Vorstand haben. Aber der Gesetzgeber sagt: Nein, weil geistig Behinderte nicht geschäftsfähig sind.“ Nun sitzen drei geistig Behinderte in einem erweiterten Vorstand, in dem sie nicht nur mitdiskutieren, sondern an jeder Entscheidung beteiligt sind. Ein ähnliches Problem hat Mohamed, wenn er eine AG an einer Schule durchführen möchte. „Ich bin wahnsinnig stolz, dass wir im Verein auch behinderte Trainer haben, die nicht Behinderte trainieren. An die Schule darf ich sie aber nicht mitnehmen, weil sie nicht geschäftsfähig sind – das ist traurig und beschämend.“
Hamdy Mohamed könnte noch viel mehr von den Sorgen und Problemen geistig behinderter Menschen auch im Sport erzählen. Seinen Kampf und sein Engagement wird er aber unermüdlich fortsetzen, weil das Positive sein Motor ist: „Judo ist für geistig Behinderte ein großartiger Sport, weil er Strukturen schafft, das Selbstbewusstsein stärkt und ihnen täglich zeigt: Auch ich kann etwas bewegen. Allein dafür lohnt es sich, gegen alle Widerstände weiterzumachen.“
Der Budo Club Ken Shiki, am Waidmannsluster Damm 151 in Reinickendorf beheimatet, ist mit Trainingsangeboten und Workshops mittlerweile auch in Neukölln, Schöneberg und Steglitz aktiv. Nähere Informationen zum Klub, seinen Angeboten und zum Thema G-Judo erhalten Interessierte auch unter www.bck-judo.de.