Von der BFV-Kampagne „Hier endet das Spiel“ und ihrer Bedeutung

Berlin. Seit vielen Jahren engagiert sich der Berliner Fußballverband (BFV) im Kinder- und Jugendschutz. Mit der Kampagne „Hier endet das Spiel“ rückt der BFV seit 2014 auch das äußerst Liesegang Webheikle Thema sexuelle Gewalt in den Fokus.
„Wir beschäftigen uns schon seit 2010 sehr intensiv damit“, erklärt Gerd Liesegang, Vizepräsident des BFV und Initiator der Kampagne. Auslöser für dieses Engagement war, dass ein Polizist, der als Trainer aktiv war, von einem anderen Polizisten erfahren hatte, dass bei der Beschlagnahmung von kinderpornografischem Material die Namen von Funktionären auftauchten, die im Berliner Fußball tätig waren. „Wir konnten uns damals über die Dimension dieses Sachverhaltes kein wirkliches Bild machen und luden zuständige Beamte des Landeskriminalamtes zu einer Gesprächsrunde“, erinnert sich Liesegang. Das Ergebnis war ein Schock: „Zum damaligen Zeitpunkt gab es aus dem Berliner Fußball fast jeden Monat eine Anzeige bei der Polizei, wo der Verdacht bestand, dass es zu sexuellen Übergriffen gekommen war. Das war für uns das alarmierende Signal, aktiv werden zu müssen.“


Der Verband, von zahlreichen sehr engagierten Partnern unterstützt, richtet sich mit Flyern und Plakaten, die in den Umkleidekabinen und auf Berlins Sportplätzen aufgehängt worden sind, direkt an die rund 65.000 Kinder und Jugendlichen, die unter dem Dach des BFV dem runden Leder hinterherjagen: „Du darfst NEIN sagen“ und „Du darfst Hilfe holen, auch wenn es Dir verboten wurde“ heißt es dort unter anderem.  Zunächst war die Kampagne für Kinder im Alter von neun bis zwölf Jahren unter dem Titel „Kleine Helden“ konzipiert – nun auch auf die 13- bis 16-Jährigen ausgeweitet worden. Bei „Kleine Helden“ geht ein Coach, ein ehemaliger Polizist, in die Vereine, um mit den Kindern unter anderem das Selbstbewusstsein zu steigern. Allein in den letzten zwei Jahren wurden so rund 180 Schulungen durchgeführt, rund 2000 Kinder erreicht. Dieses Coaching beinhaltet aber noch einen ganz besonderen Clou, der mitunter erschreckende Ergebnisse zu Tage fördert: An einem ganz normalen Trainingstag kommt dieser Coach mit einem Trainingsanzug bekleidet auf den Sportplatz und übernimmt das Training. Nur der Jugendtrainer weiß Bescheid – die Eltern nicht, die Kinder nicht. Und niemand fragt: Wer ist das? Was machen Sie da? Und vor den Augen der Eltern geht der Coach irgendwann mit einem Kind vom Platz, um – wie er sagt – einen Ball aus dem Auto zu holen.  „Wir haben auf viel zu vielen Plätzen erlebt, dass die Eltern nicht reagieren!“, berichtet Liesegang. „Und wenn wir hinterher fragen, dann antworten sie: Aber er hatte doch einen Trainingsanzug an.“ Darüber hinaus bietet der BFV aber auch für Trainer und Betreuer Schulungen an. „Der sensible Umgang mit diesem Thema führt auch zu Unsicherheit“, weiß Liesegang: „Viele nehmen ein Kind in den Arm, um es zu trösten. Trainer und Betreuer heben ein Kind ganz selbstverständlich hoch, wenn es sich verletzt hat. Sie machen Fotos – auch in der Umkleide. Aber: Wo ist die Grenze? Wie verhalte ich mich richtig? Und da versuchen wir, Tipps zu geben.“
Unter dem Motto: „Hier endet das Spiel – Du schaffst es!“ sind ab sofort auch Plakate im Umlauf, die sich an die 13- bis 16-Jährigen wenden. In dieser Kampagne soll es über die sexuellen Übergriffe hinaus auch um Alkohol-, Drogen, Spielsucht und Geldprobleme gehen. Durch ein bundesweites Projekt (KIDKIT) wurde unlängst bekannt, dass in Deutschland rund 2,5 Millionen Jugendliche mit mindestens einer dieser Problematiken zu tun haben, weil ihre Eltern oder sie selbst betroffen sind. „Wir wollen helfen, dass sie sich ihren Trainern, ihren Freunden gegenüber öffnen und ihnen zeigen: Du bist nicht allein.“
Bereits seit 2011 spricht der BFV die Empfehlung an die Vereine aus, sich ein erweitertes Führungszeugnis von allen Personen aushändigen zu lassen, die ehrenamtlich mit Kindern arbeiten wollen. Zudem muss jeder Trainer und Betreuer beim BFV als passives Mitglied gemeldet werden.
„Als wir vor sieben Jahre an die Vereine herangetreten sind, bei denen Namen von Übergriffigen aufgetaucht waren, wurde noch oft geblockt: `Damit wollen wir nichts zu tun haben´ war eine häufige Reaktion“, erinnert sich Liesegang. Er glaubt, dass Unkenntnis, Scham und die Angst, dass dies auf den gesamten Verein zurückfallen könnte, ursächlich gewesen seien. „Bis zum heutigen Tag haben wir es geschafft, dass 60 bis 70 Prozent aller Vereine sehr gut mitarbeiten. Es wird genauer hingeschaut: Mit wem haben wir es zu tun? Wer ist der Mensch, dem wir unsere Kinder anvertrauen? Und das ist schon sehr, sehr viel.“ Dies bedeutet aber auch, dass rund 30 Prozent aller Berliner Fußballvereine diese Kampagne nicht aktiv unterstützen. Warum? „Bei einigen ist einfach die Sensibilität für dieses Thema noch nicht da“, glaubt Liesegang. „`So etwas passiert bei uns nicht´, hören wir leider noch allzu oft.“ Der Vizepräsident des BFV gesteht aber auch offen ein, dass er insbesondere bei Vereinen eine große Unsicherheit spüre, die überwiegend von Migranten geführt werden: „Da wird diese Problematik einfach noch nicht gesehen. Und ich weiß momentan nicht, wie wir an die Verantwortlichen geschweige denn an die Eltern herankommen sollen.“ In einem konkreten Fall, in dem der Verdacht eines sexuellen Übergriffs bestand, waren es ausgerechnet die Eltern, die dem Kind verboten hatten, dazu eine Aussage zu machen. „Was wir noch brauchen, sind noch mehr Offenheit und noch mehr Vertrauen. Nicht zuletzt dieses Beispiel zeigt, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben“, sagt Liesegang, endet aber positiv: „Für jeden Einzelnen, den wir aus dem Verkehr ziehen, und auch für jedes Kind, dem wir geholfen haben, selbstbewusster zu werden, hat es sich gelohnt, diese Kampagne initiiert zu haben.“ Nähere Informationen zu „Hier endet das Spiel“ finden Interessierte auch unter www.berliner-fussball.de.